Wann kommt ein lustiges Buch über Auschwitz?

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von Rainer Ernst Schütz

Zur Freiheit der Kunst

Jeder auch nur halbegs liberal denkende Mensch wird die Freiheit der Kunst hochhalten, wie übrigens auch die Freiheit der Meinungsäußerung und die Freiheit der Lehre in der Wissenschaft. Wären alle Menschen mit so viel persönlichem Anstand ausgestattet, daß sie von sich aus auf die Überzeugungen und Gefühle anderer Menschen Rücksicht nehmen, bräuchte man keinerlei gesetzliche Regelungen, die die obigen Freiheiten einschränken.

Leider ist das nicht so. Eine beträchtliche Zahl von Künstlern legt es darauf an, ihre Mitmenschen in ihren Gefühlen zu verletzen. Das ist durchaus nicht neu, aber selten so ein gutes Geschäft gewesen wie heute. Denn wir leben in einer Zeit, in der die systematische Provokation eines Teils der Bevölkerung in gewissen Kreisen als schick gilt und nachgefragt wird. Man fühlt sich offenbar fortschrittlich und modern, wenn man religiöse Gefühle verletzt oder über die Verletzung lacht.

Damit kein Irrtum entsteht: Der Autor dieser Zeilen ist als Agnostiker natürlich von jenem vieldiskutierten Karikaturenbuch des Herrn Haderer in keiner Weise verletzt. Aber es gibt eben nicht nur Menschen, die dieses Buch lustig finden, sondern auch andere, die es als Beleidigung ihrer Überzeugungen empfinden.

Das ist nun ein klassischer Fall der Abwägung von Werten: Soll die Freiheit der Kunst absolut gesetzt werden? Die gegenwärtige Rechtslage ist klar: Es gibt Grenzen für die Freiheit. Natürlich ist eine Änderung der Rechtslage auf demokratischer Grundlage möglich, und sie wird ja auch von manchen gefordert.

Als Liberaler wäre ich naturgemäß eher für die Erweiterung der Freiheit. Aber Angesichts der Erfahrungen, die mit der Bereitschaft von Künstlern gemacht wurden, von sich aus Rücksicht zu nehmen, ist wohl zu erwarten, daß bei absoluter Freiheit der Kunst auf nichts mehr Rücksicht genommen würde. Natürlich nicht von allen Künstlern, aber von einigen.

Und wenn man dem die Sensibilität gegenüberstellt, die jene Berufsprovokateure bisweilen entwickeln, wenn Dinge hinterfragt werden, die ihnen selbst heilig sind, dann können unschwer Konflikte ungahnten Ausmaßes prognostiziert werden.

Denn eines wird nicht möglich sein: daß sich eine Art selbsternannte Zensurstelle etabliert, die ohne Rechtsgrundlage entscheidet, welche Provokation ihr gefällt und welche nicht. Wird die Freiheit der Kunst absolut gesetzt, dann fallen nicht nur die Schranken, deren Übertretung dem Zeitgeist so viel Spaß macht. Gibt es einmal die völlige Freiheit der Kunst, wird es nicht nur jene linken Provokationen geben, die von deren Adorateuren so bejubelt wird, sondern es wird unter Garantie auch Emanationen aus ganz anderen Richtungen geben, und auch sie werden ihr Publikum finden. Und man wird sie, ist die Freiheit der Kunst einmal absolut gesetzt, nicht mehr verbieten Können.

Karikaturen, die einen Menschen, der von vielen als Gottessohn verehrt wird, lächerlich machen, werden dann beispielsweise antisemitischen Karikaturen gegenüberstehen, wie man sie aus dem berüchtigten „Stürmer“ kannte: Auch da wurden Menschen lächerlich gemacht. Und nicht nur für Bilder und Karikaturen gilt die Freiheit der Kunst, auch für Literatur. Wollen wir es wirklich erleben, daß der Holocaust in fröhlichen Anekdoten geschildert wird? Müssen wir wirklich ein lustiges Buch über Auschwitz erwarten?

Rainer Ernst Schütz ist Präsident des Clubs unabhängiger Liberaler.

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