Wer bin ich / wenn ich nicht schreibe?

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Rastlos und doch so beharrlich:
Zum 100. Geburtstag von Rose Ausländer 

 

Rastlos und doch so beharrlich:
Zum 100. Geburtstag von Rose Ausländer

Israels Wüste

Über Israels Wüste flieg ich nach Eilat
Von den violetten bergen
Im Goldsand begrüßt

Vergangne Hebräer
Auf der Suche
Nach einer Oase
Mit Kokospalmen und Wasser

Der Brand des August
Macht das Märchn zur Qual

In einer Stunde
Flieg ich durch Jahrhunderte
Lande
Am Silbergestade des Meeres

Ich hole tief Atem
Und preise die kühlende
Liebe der Luft Rose Ausländer

Ihr Leben

Rosalie Beatrice Ruth Scherzer wurde am 11. Mai 1901 in Czernowitz/ Bukowina im damaligen Österreich geboren. Zwischen 1907 und 1919 besuchte sie Volksschule und Mittelschule in Czernowitz und in Budapest, danach eine Handelsschule mit kaufmännischer Berufsausbildung in Wien. Danach ging sie zurück in die Geburtsstadt und beschäftigte sich in Studien mit der Philosophie Spinozas, Platons und Constantin Brunners; folgerichtig absolviert sie ein Gaststudium der Literatur und Philosophie an der Universität Czernowitz.

1920, im Jahr des Todes ihres Vaters, wanderte sie gemeinsam mit Ignaz Ausländer in die USA aus, wo sie sich zunächst in Minneapolis/ St. Paul und Winona aufhielt, als Hilfsredakteurin bei der Zeitschrift Westlicher Herold und als Redakteurin der Kalenderanthologie America Herold arbeitet. In letztgenannter Zeitschrift publiziert sie auch ihre ersten Gedichte.

Ende des Jahres 1922 übersiedelt sie nach New York. Dort arbeitet sie zunächst als Bankangestellte, am 19. Oktober 1923 heiratet sie Ignaz Ausländer, von dem sie sich 1930 scheiden lässt. 1926 erhält sie die amerikanische Staatsbürgerschaft und wird Gründungsmitglied des Constantin-Brunner-Kreises in New York. 1928 fährt sie nach Europa, um ihre erkrankte Mutter zu pflegen, kommt aber im gleichen Jahr zurück, um dann 1931 erneut nach Czernowitz zu kommen. Hier lebt sie in den Folgejahren mit dem Graphologen Helios Hecht zusammen. Bis 1936 entstehen Gedichtpublikationen in Zeitungen, Zeitschriften, Anthologien, sie gibt Englisch-Unterricht, übersetzt und arbeitet journalistisch.

1937 wird ihr die amerikanische Staatsbürgerschaft aberkannt wegen der dreijähriger Abwesenheit aus den USA. Rose Ausländer unternimmt nun eine aktive Reisetätigkeit, darunter nach Paris. 1939 erscheint Der Regenbogen, ihre erste Buchpublikation.

In den Jahren der Besetzung Czernowitz durch SS-Truppen wird Rose Ausländer im Getto der Stadt gefangengesetzt und darf nach Auflösung dieses Gettos die Stadt nicht verlassen. Sie bewegt sich zwischen Kellerverstecken, Zwangsarbeit und Todesnot. In diesen Jahren lernt sie Paul Celan (Paul Antschel) kennen. Als 1944 russische Truppen die Bukowina und somit auch die jüdische Bevölkerung befreien, kommt auch Rose Ausländer frei. Bis 1945 arbeitet sie in der Stadtbibliothek von Czernowitz.

1946 reist sie wiederum über Marseille nach New York. Bis 1961, als sie krankheitsbedingt die Tätigkeit beenden musste, arbeitet sie als Fremdsprachenkorrespondentin bei der Spedition Freedman & Slater in New York. Zwischen 1949 und 1956 schreibt sie, um die Vergangenheit zu bewältigen und anzunehmen, ihre Gedichte ausschließlich in englischer Sprache. 1963 besucht sie Wien, wo ihr Bruder und dessen Familie im Flüchtlingslager eingetroffen sind. Im nächsten Jahr fährt sie vier Wochen nach Israel. Eigentlich wollte sie in diesem Jahr endgültig nach Wien übersiedeln, 1965 entschließt sie sich jedoch, in die BRD, nach Düsseldorf, zu gehen; eine unerforschte Tatsache bisher. Blinder Sommer, ihre erste Buchpublikation nach 1939, erscheint 1965 in Wien. 1966 bekommt sie Rente und Entschädigung als Verfolgte des Nazi-Regimes. Bis 1971 unternimmt sie zahlreiche Reisen innerhalb Europas.

Langsam kommen die ihr zustehenden Ehrungen und Preise. 1966 erhält sie den Silbernen Heine-Taler des Verlages Hoffmann und Campe in Hamburg. 1967 wird ihr der Droste-Preis der Stadt Meersburg verliehen; im gleichen Jahr erscheint die Publikation 36 Gerechte. 1972 zieht sie in das Nelly-Sachs-Haus, das Elternhaus der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf. 1974 erscheint das Buch Ohne Visum, 1975 Andere Zeichen. 1977 erhält sie den Ida-Dehmel-Preis der GEDOK, es erscheint die Publikation Doppelspiel, und sie bekommt den Gryphius-Preis, 1978 die Ehrengabe des BDI. 1978 erscheinen von ihr Aschensommer, Mutterland und Es bleibt noch viel zu sagen. 1980 verleiht man ihr die Roswitha-Medaille der Stadt Bad Gandersheim, im nächsten Jahr erscheint Mein Atem heißt jetzt, Im Atemhaus wohnen und Einen Drachen reiten. 1984 bekommt sie den Literaturpreis der Bayerischen Akademie der schönen Künste verliehen, zwei Jahre später den Literaturpreis des Verbandes der Evangelischen Büchereien für Mein Atem heißt jetzt.

1982 schreibt sie Mein Venedig versinkt nicht und Südlich wartet ein wärmeres Land sowie 1987 Ich spiele noch und Der Traum hat offene Augen. Am 3. Januar 1988 starb Rose Ausländer im Düsseldorfer Nelly-Sachs-Haus. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof im Nordfriedhof in Düsseldorf beigesetzt.

Ihr Werk

Rose Ausländers Werk ist immer biografisch – sie beschreibt in ihren zahllosen Gedichten, in Prosa und im Roman ihr Leben, die Lebensstationen, die Liebe, das Leid, die Hoffnung, Erfahrungen, Enttäuschungen sowie auch Glücksmomente.

Der Herausgeber ihrer Gedichte, Helmut Braun, ist sich sicher: „Hätte sie ein anderes Leben gelebt, also in anderen Umfeldern, mit anderen Menschen, anderen Erfahrungen, wäre ein anderes Werk entstanden“1 . Obwohl: Alle Dichter schöpfen in ihren Texten aus ihrem Erleben. Aber eine so enge Verknüpfung von Leben und Werk wie bei Rose Ausländer ist ungewöhnlich, selten, fast einmalig.

Nähert sich ein Interessent dem Werk der Dichterin, so erscheint e zunächst ob seiner Fülle und seines Umfanges unüberschaubar. Sie schrieb an die 3000 Gedichte – davon sind fast 2400 publiziert und liegen meist in der Fischer-Werkausgabe vor. Diese hohe Zahl scheint die Folge eines geradezu triebhaften Schreibens zu sein. Die Autorin selbst hat die Motivation ähnlich benannt: „Schreiben ist ein Trieb!“ Diesem unterwarf sie sich und ließ sich nicht auf einen von vornherein vergeblichen Kampf dagegen ein. Andermal notierte sie auch : „Schreiben war Leben. Überleben“.

In den härtesten Jahren ihres Lebens gab ihr das Schreiben die Kraft zum Weiterleben –gegen die Hoffnungslosigkeit, gegen Fatalismus, auch gegen die eigene Vernunft, die den Sinn eines Weiterlebens in Frage stellte. Ihr Urvertrauen in die Sprache, die Gewissheit, alles sei sagbar, blieb unbesiegt.

Die Zahl von circa dreitausend geschriebenen Gedichten relativiert sich, wenn man bedenkt, dass diese das Ergebnis von fast siebzig Jahren Schreiben sind. Rein rechnerisch ergibt sich pro Jahr die Zahl von 43 Gedichten. Doch greift eine solche Betrachtung vermutlich zu kurz. Die Autorin schrieb „in Schüben“; das bedeutet hoch kreativen Phasen mit explosionsartigem Schreiben standen Jahre regelrechter Schreibhemmung gegenüber. Besonders kreativ waren die Jahre zwischen 1956 und 1963, zwischen 1971 und 1974 und zwischen 1982 und 1986. Aber auch während der kreativen Phasen entstanden nicht auf Anhieb fertige Gedichte – vielmehr sammelte Rose Ausländer in solchen Zeiten Ideen zu Gedichten, die dann förmlich aus ihr hinaussprudelten. Im Nachlass liegen Gedichte mit bis zu 25 Fassungen vor, und manchmal, so der Herausgeber Braun, ist ein Bearbeitungszeitraum von bis zu dreissig Jahren zwischen Erstmonat und der letztlich von der

 


 

1 Rose Ausländer, Gedichte, hg. von Helmut Braun, Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, S. 347.

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