Natur, Kultur, Ökonomie und Globalisierung

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von M.A. Christoph Bösch

„Globalisierung“ ist ein Prozeß im Spannungsfeld zwischen Universalismus und Pluralismus, Gleichheit und Anderssein. Vielleicht sollte man von Standardisierung sprechen, denn universelle Ideen und internationalen Austausch gab es schon lange. Neu ist der Export von (westlichen) Standards des Konsums, der Bildung, der Medizin, ja der Zivilisation insgesamt. Internationale Beziehungen erfordern keine einheitlichen Normen für die ganze Welt. Es sind ja auch weder alle Menschen gleich, noch ist jeder völlig anders, sondern alle sind einander letztlich mehr oder weniger ähnlich.

Der Zeitgeist spricht gerne von „Vernetzung“, die Chaostheorie von Musterbildung, Selbstähnlichkeit oder gar Versklavung. Sind wir im Netz der Globalisierung gefangen? Die Welt muß nicht zu einem Kollektiv von Egoisten werden; das Wesen einer Gemeinschaft ist ihr Zusammengehörigkeitsgefühl, weniger die totale Vernetzung. Unsere Welt ist nicht Eins geworden; es werden lediglich gewisse Muster und Informationen vervielfältigt und übertragen. Globalisierung und Standardisierung sind mehr Zeichen von Zerrissenheit als von Ganzheitlichkeit. (Globalisierung ist aber auch Symbol für die Angst vor Endlichkeit und Vergänglichkeit - auch wenn die damit verbundene Beschleunigung wieder an Grenzen führt.)

Einige Thesen:

  1. Da die westliche Welt steht unter starkem Wirtschaftswachstumszwang steht, wirtschaftet man wenig „nachhaltig“, ist auf der Flucht nach vorne. (Nachhaltigkeit hieße ökologisches Nulldefizit.)

  2. Wenn man sich nicht um Nachhaltigkeit bemüht, sind Ressourcen (künstlich) billig; die mangelnde Kostenwahrheit fördert eine Wegwerfmentalität.

  3. Produzieren und verbrauchen beziehungsweise Leistung und Konsum werden zum zentralen Lebensinhalt.

  4. Wenn sich elementare Bedürfnisse (“needs“) von Individuen nicht befriedigen lassen, dann kann man quasi zur Ablenkung kollektive Wünsche (“wants“) erzeugen, die leichter erfüllbar sind. (Peter Sloterdijk sprach in ähnlichem Zusammenhang von der „Wunsch-Maschinerie“ oder Wunschökonomie.)

Leben und leben lassen - oder kaufen und gekauft werden ?

Soll die Politik der Ökonomie dienen oder soll der Staat in die Wirtschaft eingreifen? Ein ungefähres Gleichgewicht der Kräfte wäre wohl (auch hier) das Beste. Eine Gewaltentrennung ermöglicht oft die fruchtbarsten Beziehungen zwischen den Teilen. Man muß sich auf gemeinsame Ziele einigen, über den Weg abstimmen - dann aber dem freien Spiel der Kräfte seinen Lauf lassen. In der Demokratie greift der Staat der Wirtschaft vor, durch die Schaffung von Rahmenbedingungen, die für alle gelten. Nachträgliche Eingriffe verzerren den Wettbewerb und sind daher nur schwer zu rechtfertigen.

Die Globalisierung der Wirtschaft wird auch oft im Zusammenhang mit dem “Clash of Civilizations“ genannt. Ist der „Kampf der Kulturen“ auch ein Kampf zwischen Kultur und Unkultur, Ethos und Charakterlosigkeit, gesundem Menschenverstand und Political Correctness? Statt die Symptome zu bekämpfen, ließe sich zeigen, wie jeder als Konsument und Staatsbürger kritisierte Mißstände mitverursacht; gefragt wäre also Zivilcourage. Die Polarisierung in Antikapitalisten und Neoliberale führt hauptsächlich dazu, daß die einen über „die Multis“ schimpfen, während sich andere über Weltverbesserer lustig machen. Man reagiert sich aneinander ab. Viel Polemik, wenig Veränderungspotential: es soll sich ja gar nichts Fundamentales ändern...

WACHSTUM STATT ESKALATION - für eine kreative Sicht der Globalisierungsdebatte

Ganz abgesehen von der Globalisierung gibt es eine Tendenz zu Eskalation, Beschleunigung und Dosissteigerung. Probleme, die nicht an der Wurzel angegangen werden, können immer neue Probleme verursachen. (Beispiele kennt man aus Medizin, Politik, Ökologie und Rüstung.) Irgendwann bekommt man zwar fast alles in den Griff - doch bis dahin kann der Preis hoch sein.

Die Globalisierungsdebatte ist auch Ausdruck einer Krise des Bürgertums, speziell in Europa. (Man spricht vom “Clash of Civilizations“, vielleicht ist es ein “Clash within our Civilization“. Abgesehen davon sind Kultur und Zivilisation ja nicht dasselbe, und ein Clash muß nicht gleich zu einem Crash führen...) Gerade Europa braucht eine eigenständige Identität; vielleicht eine Renaissance des „Universalmenschen“; zumindest aber mehr Bewußtsein für Zusammenhänge und Phantasie. Amerika zu kopieren, stempelt uns von vornherein bestenfalls zur Nummer Zwei. (Siehe Euro.)

NATUR, KULTUR UND GLOBALISIERUNG

Leider ist das Thema „Markt“ stark ideologisiert: für die einen ist Freihandel eine Religion, andere sehen Märkte mit großem Mißtrauen und stehen ihnen entsprechend negativ gegenüber. Daß gerade George Soros sowohl einer der erfolgreichsten Kapitalisten der Welt als auch einer der größten Kritiker des Kapitalismus ist, sollte den Extremisten auf beiden Seiten des Spektrums zu denken geben. Leider denkt man in der Globalisierungsdebatte vor allem in WIN/LOSE - Szenarien, statt zu überlegen, wie Situationen geschaffen werden können, von denen möglichst viele profitieren. (Es heißt immer, daß durch die Globalisierung die Reichen immer reicher werden. Aber es gibt ja auch Dinge, die man nicht kaufen kann.)

„Mens sana in corpore sano“ sagt man - vielleicht gilt das gleiche analog für die Gesellschaft und ihre „Umwelt“, die Natur. Gesunde Natur als Spiegelbild einer gesunden Gesellschaft. (Wenn es etwas wie „Gesellschaftstherapie“ - ein Begriff, der u.a vom französischen Soziologen Pierre Bourdieu verwendet wird - geben kann, so müßte diese auch die Natur miteinbeziehen.) Was ist denn überhaupt „natürlich“? Man kann alles relativieren - aber auch sehr einfach sehen: Natur ist, was von selbst gewachsen ist. Kultur, wo der Mensch die Natur bereichert hat, mit ihr im Einklang steht. Unkultur vielleicht, wo wir Wurzeln zerstören, in die eigene Natur eingreifen, ohne eine gewisse Verhältnismäßigkeit zu wahren.

Ökonomie ist aus der Erfahrung mit der Kultivierung des Bodens hervorgegangen - siehe etwa das Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag. Was wir heute unter „Ökologie“ verstehen, ist oft Reaktion auf Umweltschäden. Im Einklang mit der (eigenen) Natur zu sein, wäre vielleicht die ursprünglichste Form, unseren Lebensraum zu schützen; ist das „Naturnahe“ nicht schlicht das Naheliegende ?

„Die Natur ein- und überholen“, hieß es einmal - doch jeder Eingriff hat seinen Preis. Irgendwie hängt alles zusammen: Natur- Kultur- Kult- Religion- Geist- Philosophie- Kunst- Ökonomie- Agrikultur- Ökologie- Natur... Folglich sind künstliche Polarisierungen wenig zielführend; alles soll zwar fein unterschieden, nicht aber getrennt gesehen werden. Etwa Religion und Staat, Staat und Wirtschaft, Kunst und Kommerz. „Minderheiten“ entstehen oft dadurch, daß alle in Blöcken denken; die eigentliche Minderheit ist aber das Individuum...

„GLÜCK“ ALS ZENTRALER NUTZEN EINER NEUEN ÖKONOMIE

Vielleicht brauchen wir eine neue Theorie und Praxis der Ökonomie. In der neoklassischen Theorie wurde Nutzen gleich Geld gesetzt. Das ist reduktionistisch, was aber spricht gegen einen erweiterten Ökonomiebegriff? Welches ist der zentralste Nutzen im menschlichen Leben? Wie wäre es, wenn man ihn einfach als Glück bezeichnete? Was wir lieben, macht uns glücklich. Und welchen größeren Nutzen kann es geben?

Für die meisten Menschen ist das Leben der höchste Wert. (Nur für wenige ist die Liebe zu einem Menschen oder zu einer Sache mehr wert als das Leben.) Die Liebe zum Leben als neuer Goldstandard, als Maß des Glücks? Nicht perfekt - aber vielleicht eine Alternative zum Bruttosozialprodukt. Fragen wir uns doch selbst: was ist wichtig, was ist wesentlich?

Geld ist sicherlich ein vernünftiges Konzept, viele Prozesse lassen sich dadurch optimieren. Man könnte sagen, es sei eine „Maßeinheit der Vernunft“; und Vernunft ist ein wichtiges Korrektiv. Wäre ein völlig rationales Leben andererseits nicht auch ziemlich sinnlos?

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