Religionen und Ideologien – Zwei Erscheinungsformen falschen Bewusstseins

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von Dr. Anton Szanya

Kunstwissenschafter und Nobelpreisträger Romain ROLLAND (1866-1944), der in einem Brief an seinen Freund Sigmund FREUD diese seelische Grundbefindlichkeit des Menschen sehr treffend beschrieben hat. „Diese sei ein besonderes Gefühl“, gibt FREUD die Beschreibung wieder, „das ihn selbst nie zu verlassen pflege, das er von anderen bestätigt gefunden und bei Millionen Menschen voraussetzen dürfe. Ein Gefühl, das er die Empfindung der ‚Ewigkeit’ nennen möchte, ein Gefühl wie von etwas Unbegrenztem, Schrankenlosem, gleichsam ‚Ozeanischem’. Dies Gefühl sei eine rein subjektive Tatsache, kein Glaubenssatz; keine Zusicherung persönlicher Fortdauer knüpfe sich daran, aber es sei die Quelle der religiösen Energie, die von den verschiedenen Kirchen und Religionssystemen gefasst, in bestimmte Kanäle geleitet und gewiß auch aufgezehrt werde.“11 Angesichts er Tatsache, dass Formen der Religiosität in allen menschlichen Kulturen vorkommen, kann vermutet werden, dass Romain ROLLAND mit seiner Annahme in etwa das Richtige getroffen hat. Sigmund FREUD hingegen bestreitet für sich zwar, dieses „ozeanische Gefühl“ zu empfinden, will aber nicht ausschließen, dass dies bei seinem Freund wie auch bei vielen anderen Menschen der Fall sein könne. Seiner Meinung nach handle es sich bei diesem ozeanischen Gefühl um „ein Gefühl der unauflösbaren Verbundenheit, der Zusammengehörigkeit mit dem Ganzen der Außenwelt“12 Auf der Suche nach dem Ursprung dieses ozeanischen Gefühls, in dem er ein Zerfließen der Grenzen des Ichs, des bewussten Teils der Persönlichkeit, gegenüber der Außenwelt erkennt – ein Vorgang, der bei verschiedenen Gelegenheiten von der entrückten Frömmigkeit der Gläubigen bei einem feierlichen Gottesdienst bis hin zur rasenden Massenbegeisterung der Fans in einem Fußballstadion beobachtet werden kann –, kommt FREUD zu dem Ergebnis, dass es sich hierbei um das Fortbestehen des ursprünglichen, primären Ich-Gefühls des Säuglings neben dem gereiften Ich-Gefühl des Erwachsenen handelt. „Ursprünglich enthält das Ich alles“, fasst FREUD seine Untersuchung zusammen, „später scheidet es seine Außenwelt von sich ab. Unser heutiges Ichgefühl ist also nur ein eingeschrumpfter Rest eines weit umfassenderen, ja – eines allumfassenden Gefühls, welches einer innigeren Verbundenheit des Ichs mit der Umwelt entsprach. Wenn wir annehmen dürfen, dass dieses primäre Ichgefühl sich im Seelenleben aller Menschen – in größerem oder geringerem Ausmaße – erhalten hat, so würde es sich dem engen und schärfer umgrenzten Ichgefühl der Reifezeit wie eine Art Gegenstück an die Seite stellen, und die zu ihm passenden Vorstellungsinhalte wären gerade die der Unbegrenztheit und der Verbundenheit mit dem All, dieselben, mit denen mein Freund das ‚ozeanische’ Gefühl erläutert.“13

Die Erkenntnisse der Säuglingsforschung seit den siebziger Jahren der vorigen Jahrhunderts haben mittlerweile bestätigt, dass die Annahmen FREUDS ihre Berechtigung hatten. Die von Romain ROLLAND und Sigmund FREUD beschriebenen Gefühlszustände sind solche, „deren Wurzeln in die besonderen Existenzbedingungen des Fetus hinabreichen“14. Der vorgeburtliche, werdende Mensch lebt gleichsam in einem Zustand außerhalb von Raum und Zeit. Seine Umwelt, der Mutterleib, ermöglicht ihm ein Dasein der wunschlosen Glückseligkeit, denn alle lebensnotwendigen Bedürfnisse, wie sie beispielsweise in Form von Hunger, Verdauung und Ausscheidung auftreten, werden vom mütterlichen Organismus befriedigt, noch ehe diesbezügliche Wünsche auftreten. Der Fetus lebt in einem Zustand der Koenästhesie15, der Empfindung der völligen Verschmolzenheit mit seiner Welt, aus der ein Gefühl vollkommenen Glücks hervorgeht.

Dieser Zustand findet mit der Geburt ein plötzliches Ende. Von da ab wird das Leben des Menschen bestimmt von Bedürfnissen, Trieben, Erregungen, Spannungen und dergleichen mehr. Die diese begleitenden Unlust- und Angstgefühle mischen der ursprünglichen Hochstimmung nach und nach die düsteren Färbungen der Geworfenheit, Verlorenheit und Verlassenheit bei. Der Narzissmus des Menschen erleidet seine unausweichlichen Kränkungen.

Bereits im Säuglingsalter erlebt das Kind, dass es und die Welt etwas voneinander Verschiedenes sind und dass diese Welt nicht seinen Bestrebungen unterworfen werden kann. So mag der Säugling, wenn er hungrig ist, noch so lange schreien – wenn seine Mutter oder eine andere Person, die ihre Stelle einnimmt, nicht in der Nähe ist, wird er damit nichts erreichen können. Andere Möglichkeiten, die Stillung seines Hungers zu erwirken, hat er in seinem Alter und Entwicklungszustand aber noch nicht. Erlebnisse dieser Art zeigen dem kleinen Menschen seine Grenzen, reißen ihn heraus aus seinen Empfindungen des Einsseins mit der Welt und lassen ihm diese unermesslich fremd und angsteinflößend erscheinen. Dadurch erfährt der Narzissmus des kleinen Kindes eine empfindliche Kränkung, die in ihm Wut und Angst auslöst. Sein noch geringer Reifezustand hindert das kleine Kind allerdings



10 „...jeder Mensch trägt aus dem seinerzeitigen Erleben des Kindes, als es noch Eins war im Mutterleib, und post partum im seelischen Erleben noch ungeschieden von der ersten Bezugsperson, dieses Gefühl einer narzißtischen Harmonie und Allmacht.“ [Sigrun Roßmanith: Religion als Forschungsgegenstand der Tiefenpsychologie, in: der freidenker 3 (1991), S. 7.]
11 Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur (1930), in: Alexander Mitscherlich, Angela Richards, James Strachey (Hg.): Sigmund Freud – Studienausgabe. Bd IX: Fragen der Gesellschaft; Ursprünge der Religion. Frankfurt am Main: S. Fischer 81997, S. 197.
12 Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur (1930), in: Alexander Mitscherlich, Angela Richards, James Strachey (Hg.): Sigmund Freud – Studienausgabe. Bd IX: Fragen der Gesellschaft; Ursprünge der Religion. Frankfurt am Main: S. Fischer 81997, S. 198.
13 Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur (1930), in: Alexander Mitscherlich, Angela Richards, James Strachey (Hg.): Sigmund Freud – Studienausgabe. Bd IX: Fragen der Gesellschaft; Ursprünge der Religion. Frankfurt am Main: S. Fischer 81997, S. 200.
14 Béla Grunberger, Pierre Dessuant: Narzissmus, Christentum, Antisemitismus; Eine psychoanalytische Untersuchung (Narcissisme, Christianisme, Antisémitisme; Étude psychanalytique, 1997). Stuttgart: Klett – Cotta 2000, S. 43.
15 Béla Grunberger, Pierre Dessuant: Narzissmus, Christentum, Antisemitismus; Eine psychoanalytische Untersuchung (Narcissisme, Christianisme, Antisémitisme; Étude psychanalytique, 1997). Stuttgart: Klett – Cotta 2000, S. 39 passim.

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