Religionen und Ideologien – Zwei Erscheinungsformen falschen Bewusstseins

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von Dr. Anton Szanya

daran, sich dieser Gefühle und ihrer Anlässe bewusst zu werden. So bleiben sie unbewusst.

Länger vielleicht als die Illusion des Einsseins mit der Welt kann das kleine Kind die des Einsseins mit der Mutter aufrechterhalten. Aber auch in dieser Beziehung kommt der Augenblick, in dem das Kind bemerkt, dass es nicht eins ist mit der Mutter, ja schlimmer noch, dass es nicht einmal das einzige Liebesobjekt der Mutter ist. Denn da ist noch in der Regel der Vater oder ein anderer Mann, dem die Mutter auch ihre Liebe zuwendet, und schließlich sind da vielleicht auch noch Geschwister, mit denen es ebenfalls die Liebe der Mutter teilen muss. Wieder erleidet der Narzissmus des kleinen Kindes eine schwere Kränkung. So wie das Kind seine Mutter grenzenlos bewundert hat, so wollte es auch von sei¬ner Mutter grenzenlos bewundert werden; so wie das Kind seine Mutter vorbehaltlos idealisiert hat, so wollte es auch von seiner Mutter vorbehaltlos idealisiert werden; so wie das Kind seiner Mutter bedingungslos angenommen hat, so wollte es auch von seiner Mutter bedingungslos angenommen werden. Und nun das!

Verschärft wird diese Situation des Kindes noch dadurch, dass es dann, wenn es seiner narzisstischen Wut gegenüber dem Vater und den Geschwistern Ausdruck gibt, von der Mutter dafür getadelt, vielleicht sogar bestraft wird. Da das Kind in seinem Alter seine Eltern auch noch für allmächtig und allwissend hält, weckt die narzisstische Wut in ihm auch sogleich Gefühle der Angst vor Strafe und Liebesentzug. Der seelische Zwiespalt des Kindes wird noch zusätzlich schmerzlich vertieft, weil seine ablehnenden Gefühle den anderen gegenüber auch gleichzeitig im Widerstreit stehen zu Gefühlen der Liebe, der Bewunderung und der Sehnsucht, die es ja auch gegenüber der Mutter, dem Vater und den Geschwistern hegt. Das Kind löst schließlich dieses unentwirrbare Knäuel an Gefühlen, für das in der Tiefenpsychologie auch die Bezeichnung ödipaler Konflikt16 verwendet wird, indem es sie zum größten Teil verdrängt17 oder sich mit den Objekten derselben, Mutter, Vater und Geschwister, mehr oder weniger nachhaltig identifiziert18.

Das Über-Ich

Als Ergebnis dieser Vorgänge der Verdrängung und Identifikation bildet sich bis ungefähr zum zehnten Lebensjahr des Kindes im Gefüge seiner Psyche das Über-Ich als Summe der im Zuge der Erziehung verinnerlichten, also in die eigene Persönlichkeit aufgenommenen moralischen Vorschriften, gesellschaftlichen Verhaltensregeln und weltanschaulichen Ansichten aus. In diesem Lebensalter ist die Ausbildung der wesentlichen Inhalte des Über-Ichs abgeschlossen, wenngleich im weiteren Verlauf des Lebens immer noch Umformungen eintreten. Dieser frühe Zeitpunkt der Abgeschlossenheit seiner Ausgestaltung bedingt einige Eigenschaften des Über-Ichs, die für die vorhin beschriebenen Wurzeln des Mythos im Menschen und seine weitere Entfaltung von bestimmender Bedeutung sind:

Das Über-Ich ist eine moralische Instanz. In dieser Funktion entspricht es dem, was gemeinhin als Gewissen bezeichnet wird. Es weckt Schuldgefühle, Reuegedanken und Bestrafungswünsche, wenn gegen die übernommenen Vorstellungen von Ehrbarkeit, Sittlichkeit und Anständigkeit verstoßen worden ist. Das Über-Ich belohnt andererseits auch das Wohlverhalten mit Erhobenseins und Erhabenseins über die anderen Menschen. Ein gutes Gewissen ist eben ein sanftes Ruhekissen, wie schon der Volksmund weiß.

Das Über-Ich ist unfähig, zwischen Wunsch und Tat zu unterscheiden. Dies entspricht zwar seiner Funktion als Gewissen, als das es auch schon das Eintreten als verboten und böse eingeschätzter Wünsche und Gedanken in das Bewusstsein zu verhindern hat, entspringt aber auch noch dem Seelenleben des Kindes. Kinder im Vorschulalter und mitunter auch noch ältere unterscheiden nicht so streng zwischen Vorstellung und Wirklichkeit, sondern beide Bereiche fließen noch ineinander. Das Über-Ich bewahrt, indem es die Grenzen zwischen dem Wirklichen und dem nur Vorgestellten verwischt, diese Unschärfe des Denkens als Grundströmung des Seelenlebens bis ins Erwachsenenalter. Die Reaktion des Über-Ichs mit Schuldbewusstsein schon allein auf verbotene Gedanken erweckt in den solcherart empfindenden Menschen den Eindruck des Vorhandenseins einer allwissenden und allgegenwärtigen Instanz, die Kenntnis selbst von den verborgensten

 



16 Der sagenhafte König Ödipus von Theben tötete seinen Vater Laios und heiratete seine Mutter Iokaste. Allerdings entsprangen diese Taten des Ödipus nicht dem von Sigmund FREUD nach ihm benannten Komplex, weil er als ausgesetztes Kind seine Eltern ja gar nicht gekannt hat. Da FREUD den Kern des sogenannten ödipalen Konflikts darin sah, dass der Sohn unbewusst seinen Vater beseitigen und an seine Stelle bei der Mutter treten möchte, wählte er auf Grund dieser oberflächlichen Entsprechung der Taten des Ödipus mit den angenommenen unbewussten Wünschen des Sohnes die Bezeichnungen „Ödipuskomplex“ oder „ödipaler Konflikt“.
17 Mit Verdrängung bezeichnet die Psychoanalyse einen Vorgang, bei dem das Ich, also die Instanz der Psyche, die für die Steuerung der Triebe und ihre Anpassung an die Bedingungen der natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt zuständig ist, ihm dieser Anpassung gefährlich erscheinende Triebwünsche und Bewusstseinsinhalte von sich abspaltet und dem Unbewussten, dem Es, zuschlägt. Das Ich ist daraufhin jedoch gezwungen, den andauernden Bestrebungen des Es, diese Inhalte wieder in das Bewusstsein zu heben und damit zur Befriedigung zu bringen, dauernden Widerstand entgegenzusetzen. Das Ich entlastet sich von diesem Druck, indem es den verdrängten Triebwünschen in wunscherfüllenden Fantasien, die in Gestalt von einfachen Tagträumen bis zu dichterischen und mythologischen Vorstellungen auftreten können, eine teilweise und ungefährliche Befriedigung ermöglicht. [Charles Brenner: Grundzüge der Psychoanalyse. (An Elementary Textbook of Psychoanalysis, 1972). Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 201999, S. 81-88.]
18 Das Wesen der Identifikation besteht darin, dass das Ich sich einer geliebten und verehrten wie auch einer gehassten und gefürchteten Person so weit anähnelt, dass sie letztlich nicht mehr als ein außerhalb des Ichs stehendes fremdes Objekt empfunden wird. Im Zuge der Identifizierung erfährt das Ich eine Erweiterung sowohl im Guten wie im Schlechten. Ihren äußeren Ausdruck findet die Identifizierung, wenn ein Mensch Verhaltensweisen, Bewegungen, Sprachgewohnheiten und anderes der als Identifikationsobjekt dienenden Person annimmt. [Charles Brenner: Grundzüge der Psychoanalyse. (An Elementary Textbook of Psychoanalysis, 1972). Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 201999, S. 109-112.

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