Religionen und Ideologien – Zwei Erscheinungsformen falschen Bewusstseins

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von Dr. Anton Szanya

heranwachsenden Menschen und seine Formung zu einem gehorsamen Untertanen abzielen, kommt es zur Ausbildung eines Persönlichkeitstypus, der von der Warte eines aufklärerisch-eigenständigen Menschenbildes aus gesehen sehr bedenklich ist.

Der sadomasochistische Charakter

Als Wissenschafter, der immer wieder versucht hatte, psychoanalytische und marxistische Denkansätze fruchtbar miteinander zu verbinden, hat sich Erich FROMM (1900-1980) unter dem Eindruck der totalitären politischen Systeme der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bemüht, die Entstehung und gesellschaftliche Wirksamkeit dieses Persönlichkeitstyps zu erforschen. Seiner Ansicht nach erleidet die Persönlichkeit bei dem Versuch, sich den unerträglichen familiären oder gesellschaftlichen Bedrückungen zu entziehen mehr oder weniger tiefgreifende Verformungen.

Eine dieser Verformungen ist der Masochismus22,der sich in Gefühlen „von individueller Bedeutungslosigkeit“ äußert und die Menschen dazu bringt „sich als besonders schwach und leistungsunfähig hinzustellen“.23 Solche Menschen sehen sich auch oft außer Stande eine eigene Meinung zu äußern oder gar ihren Willen durchzusetzen. „In extremen Fällen – und deren gibt es viele – findet man neben der Neigung, sich herabzusetzen und sich äußeren Mächten zu unterwerfen, die Tendenz, sich selbst zu verletzen und leiden zu machen.“ Solche Menschen bringen dann Selbstbeschuldigungen gegen sich vor, wie sie selbst ihre ärgsten Feinde nicht gegen sie vorbringen würden. Zudem bringen sich diese Menschen oft zwanghaft in unangenehme, sie beschämende Lagen oder in solche, die fast unausweichlich zu Verletzungen und Unfällen führen.

Es wäre aber falsch, wollte man annehmen, dass der masochistische Mensch sich selbst auslöschen wolle, selbst wenn er manchmal in Selbstmordgedanken schwelgt. Der Masochismus erweist sich als raffinierte Strategie zur Gewinnung von Macht und Stärke. „Man liefert [...] sein Selbst aus und verzichtet auf alles, was an Kraft und Stolz damit zusammenhängt“, führt FROMM dazu aus, „man verliert seine Integrität als Individuum und verzichtet auf seine Freiheit. Aber man gewinnt dafür neue Sicherheit und einen neuen Stolz durch Teilhabe an der Macht, in der man aufgeht. Außerdem gewinnt man Sicherheit gegenüber quälenden Zweifeln. Der masochistische Mensch – ganz gleich ob sein Herr eine Autorität außerhalb seiner selbst ist oder ob er seinen Herrn als Gewissen oder als psychischen Zwang internalisiert hat – braucht nichts mehr selbst zu entscheiden, er ist nicht mehr für das Schicksal seines Selbst verantwortlich und ist hierdurch von allen Zweifeln befreit, welche Entscheidung er treffen sollte. Es bleibt ihm auch der Zweifel daran erspart, was der Sinn seines Lebens ist und wer er ist. Alle diese Fragen beantwortet die Beziehung zu der Macht, der er sich angehängt hat. Der Sinn seines Lebens und sein Identitätserleben werden von dem größeren Ganzen bestimmt, in dem sein Selbst untergetaucht ist.“24

Die andere Verformung der Persönlichkeit, die unter dem Druck unerträglicher Lebensumstände eintritt, ist der Sadismus25,der in drei Spielarten auftreten kann. „Die eine Form besteht darin“, führt FROMM dazu aus, „daß man andere Menschen von sich abhängig macht und daß man sie in seine absolute, uneingeschränkte Gewalt zu bekommen sucht, so daß sie nichts mehr sind als ein Werkzeug, als ‚Ton in des Töpfers Hand’. Eine andere Form des Sadismus besteht in dem Impuls, nicht andere auf diese absolute Weise zu beherrschen, sondern sie auszubeuten, auszunutzen, zu bestehlen, sie auszunehmen und sich sozusagen alles Genießbare an ihnen einzuverleiben. Dieser Wunsch kann sich ebenso auf materielle Dinge wie auf nicht-materielle beziehen, zum Beispiel auf die emotionalen oder intellektuellen Eigenschaften, die ein Mensch zu bieten hat. Eine dritte Art des Sadismus besteht in dem Wunsch, andere leiden zu machen oder leiden zu sehen. Dieses Leiden kann körperlicher Art sein, doch handelt es sich noch öfter um seelisches Leiden. Der Betreffende möchte den anderen verletzen, demütigen, in Verlegenheit bringen oder ihn in beschämenden und demütigenden Situationen erleben.“26

Nicht selten tritt der Sadismus unter dem Deckmantel der Liebe auf. Im Falle des Masochismus erscheint dies einleuchtender, weil die Hingabe an und die Selbstaufgabe für einen anderen Menschen landläufig für den höchsten Ausdruck der Liebe gehalten werden. Die sadistische Erscheinungsform von Liebe äußert sich in einer Überbefürsorgung eines anderen Menschen, der mit der Begründung, man wisse ja besser, was für ihn gut sei, an seiner eigenständigen Entfaltung und dem Erleben eigener Erfahrungen gehindert wird. Um echte Liebe handelt es sich in beiden Fällen keineswegs, wenn man unter Liebe das Bemühen versteht, durch gefühlsmäßige und tätige Zuwendung des Wachstum und die Freiheit des jeweiligen Gegenstandes der Liebe, sei dies nun ein Mensch, ein Tier oder eine Pflanze, zu fördern.

Was in der als Liebe getarnten Spielform des Sadismus deutlicher als in anderen zum Ausdruck kommt, ist die Abhängigkeit des Sadisten von seinem Opfer. Im Falle des

 



22 Der Begriff Masochismus wurde von dem Namen des österreichischen Schriftstellers Leopold von SACHER-MASOCH (1836-1895) abgeleitet, der in seinem im Jahre 1866 erschienenen Roman »Venus im Pelz« körperliche und seelische Demütigung und Erniedrigung als Mittel geschlechtlicher Erregung beschrieb.
23 Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit (Escape from Freedom, 1941). Frankfurt am Main, Berlin: Ullstein 1987, S. 126.
24 Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit (Escape from Freedom, 1941). Frankfurt am Main, Berlin: Ullstein 1987, S. 137-138.
25 Der Begriff Sadismus wurde von dem Namen des französischen Schriftstellers Donatien Alphonse François Marquis de SADE (1740-1814) abgeleitet, der in seinen Schriften die Bosheit als Triebkraft menschlichen Handelns und das Zufügen von Schmerzen als Mittel zur geschlechtlichen Erregung beschreibt.
26 Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit (Escape from Freedom, 1941). Frankfurt am Main, Berlin: Ullstein 1987, S. 127-128

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