Religionen und Ideologien – Zwei Erscheinungsformen falschen Bewusstseins

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von Dr. Anton Szanya

Masochisten ist die Abhängigkeit von der Macht, der er sich so vollständig unterwirft, um dadurch Anteil an ihr zu gewinnen, offensichtlich. Der Sadist hingegen ist ebenfalls unbedingt auf einen Menschen angewiesen, den er beherrschen kann, denn ohne einen solchen würde sein Selbstwertgefühl von Macht und Stärke in sich zusammenbrechen, weil ihm der Gegenstand, an dem es sich täglich und stündlich beweisen können muss, fehlt.

Diese vorhin beschriebenen Reinformen des Masochismus und des Sadismus kommen in den Menschen in aller Regel nicht in lauterer Ausprägung vor, sondern sie sind miteinander vermischt und bilden die Wesenszüge des sadomasochistischen Charakters, der einer Autorität bedarf, der er sich unterwerfen kann und aus der er die Kraft schöpft, sich in ihrem Namen andere Menschen zu unterwerfen.

Tabelle 1:
Erscheinungsbild des sadomasochistischen Charakters

 

  • Pedanterie
  • Dogmatismus, Prinzipienstarrheit
  • betont konservative Einstellungen
  • Sexualphobien

       -     Sittenstrenge

       -     Obszönitätsschnüffelei, „Pornojägerei“

       -     streng formeller Umgang mit Menschen des anderen Geschlechts

  • Betonung von Konventionen, Rangordnungen
  • Neigung zu zeremoniellem Verhalten
  • Rechthaberei
  • Herrschsucht

 

Dieser sadomasochistische Charakter, fasst FROMM an anderer Stelle zusammen, „fühlt sich also stark, wenn er sich der Autorität unterwerfen und ein Teil von ihr werden kann, wobei die Autorität (durch die Realität teilweise unterstützt) aufgebläht und vergöttlicht wird und er zugleich sich selbst aufbauscht, indem sich jene, die seiner Autorität unterworfen sind, einverleibt. Es handelt sich um einen Zustand sadomasochistischer Symbiose, die ihm das Gefühl von Stärke und Identität verleiht. Weil er ein Teil des ‚Großen’ (was immer es sein mag) ist, wird er selbst groß; wäre er allein, auf sich gestellt, so würde er zu einem Nichts zusammenschrumpfen. [...] So ist er gezwungen, gegen die Bedrohung des Autoritären ebenso zu kämpfen, wie er gegen die Bedrohung seines Lebens oder seiner geistigen Gesundheit kämpfen würde.“27

Der Mythos II

Die verdrängten Inhalte und Triebwünsche der narzisstischen Kränkungen und des ödipalen Konflikts sind der Stoff, aus dem die Mythen sind. Da dieser Stoff bereits auf einer Entwicklungsstufe des Kindes angelegt wird, auf der sein Ich oder Selbst noch nicht voll ausgereift ist, erfolgt seine Formung gemäß den Regeln des primären Denkens28. Dieses unterscheidet sich in mehrerlei Hinsicht von den Denkformen des reifen Erwachsenen, die als sekundäre Denkformen bezeichnet werden.

Eines der hervorstechendesten Merkmale des primären Denkens ist seine Ungebundenheit gegenüber einschränkenden Bedingungen und Unmöglichkeiten. Daraus folgt, dass im primären Denken Gegensätze und Widersprüche nebeneinander bestehen können. Für das primäre Denken ist weiters die Darstellung durch Anspielungen oder Ähnlichkeiten kennzeichnend oder der Umstand, dass Teile von Gegenständen beziehungsweise Bruchstücke von Gedanken oder Erinnerungen für das Ganze stehen können wie auch umgekehrt. Ein weiteres Merkmal des primären Denkens ist seine Bildhaftigkeit und seine enge Gebundenheit am die Eindrücke der sinnlichen Wahrnehmung. Zuletzt sei noch erwähnt, dass dem primären Denken jedwedes Zeitgefühl abgeht, dass im Umstände wie „vorher“ und „nachher“, „jetzt“ und „später“, „zuerst“, „als nächstes“ und „zuletzt“ fremd sind. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind eines.

Obwohl diese kurze Beschreibung den Eindruck erwecken mag, dass das primäre Denken im Leben der Erwachsenen keine Rolle mehr spielt, zeigt das folgende Beispiel, dass es gegenwärtiger und wirksamer ist, als gemeinhin angenommen wird. Der Ausruf „das ist ja großartig!“ kann verschiedene Bedeutungen haben, je nachdem, ob er ernst, spaßhaft oder spöttisch gemeint ist. Im letzten Fall drückt das Wort „großartig“ genau das Gegenteil dessen aus, was es gemäß Wörterbuch ausdrücken sollte. Die Darstellung durch das Gegenteil ist also auch im alltäglichen Sprachgebrauch durchaus üblich. Die Darstellungen durch Anspielungen und bildhafte Ausdrücke ist sowohl in der dichterischen Sprache Lyrik gängig als auch in der Umgangssprache, im Witz und bei Beschimpfungen. Dass bildliche Darstellungen besonders dem primären Denken entgegenkommen und daher auch besonders eindrucksvoll sind, machen sich sowohl die Werbeindustrie als auch die politische Propaganda zunutze.

Geformt durch dieses primäre Denken finden die verdrängten frühkindlichen Erlebnisse und narzisstischen Kränkungen in den fantastischen und symbolischen Mythen der Weltentstehung, der Menschwerdung und des Weltendes ihren Ausdruck. In vielen Mythen lassen sich tatsächlich Entsprechungen zwischen den in ihnen beschriebenen Weltepochen und den Entwicklungsfasen vom Kind zum Erwachsenen erkennen. Die nachstehende Gegenüberstellung bietet einige Beispiele zur Verdeutlichung

 


 

27 Erich Fromm: Der revolutionäre Charakter (The Revolutionary Character, 1963). In: Erich Fromm: Das Christusdogma und andere Essays (The Dogma of Christ and Other Essays on Religion, Psychology, and Culture, 1963). München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1984, S. 120-121.
28 Die Darstellung des primären Denkens folgt Charles Brenner: Grundzüge der Psychoanalyse. (An Elementary Textbook of Psychoanalysis, 1972). Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 201999, S. 55-56

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