Anfänge bürgerlicher Ideologie

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von Dr. Anton Szanya

Nächstenliebe Handelnde, was die Tätigkeit und das Werk betrifft, stufenweise vorgehen müssen, sodaß wir zuerst uns, dann den Eltern, drittens den Kindern, viertens den Brüdern und darüber hinaus den entfernteren Angehörigen verpflichtet und bei fehlenden Blutsbanden zuerst den Mitbürgern und dann erst den Fremden verbunden sind; und da der Mensch nicht zum Mitleiden durch die Fehler oder zum Ärgern über die Grobheiten der Mitmenschen, sondern als seine Stütze geschaffen ist, ist Dir, wenn Du es recht bedächtest, eine große Verpflichtung auferlegt, in das Vaterland zurückzukehren, damit Du nicht allein Dir, sondern auch den anderen dienest und damit Du dort begännest, wo feststeht, daß Du mehr tun mußt, weil du natürlicherweise zu Anstrengungen verpflichtet bist, sei es aus Gründen de Blutes oder der Hilfsbereitschaft.“28

Wiewohl SALUTATI bei der Begründung seiner Auffassung von der Berufung des Menschen zur politischen Tätigkeit sich noch sehr stark auf die Verpflichtung des Christen zur Nächstenliebe berief, schimmerten in seiner Beharrlichkeit, mit der er darauf besteht, daß man die Nächstenliebe abgestuft auf die Mitmenschen anwenden müsse, auch noch andere Vorstellungen durch. Es ist der antike Patriotismus, den SALUTATI mit zahlreichen Beispielen aus der römischen Geschichte rechtfertigte und begründete. Am Patriotismus der alten Römer entzündete sich bei SALUTATI die Begeisterung. Ja, er fühlt sich als Italiener selbst als Nachfahre dieses großen römischen Volkes, dessen Größe für ihn gleichbedeutend mit der vergangenen Größe Italiens war. Aus dieser Empfindung heraus sprach er von den Römern als von „unseren Vätern aus römischem Geschlecht.“29  Er war von diesem Fühlen so ergriffen, daß er seine italienischen Landsleute, wenn er sich mit besonderer Eindringlichkeit an sie wandte, als „Abkömmlinge und Erben der Römer“30 anredete. Bei dem Gedanken an seine römischen Vorfahren schwoll seine Brust vor römischem Bürgerstolz. So entschlüpfte ihm denn auch in einem unbedachten Augenblick in einem Nebensatz die Behauptung, daß die Bürgergemeinschaft das höchste Band sei, das die Menschen miteinander verbände , während er die Gemeinschaft der christlichen Religion, auf die er sonst großen Wert legte, ganz außer acht ließ. Im Überschwang rhetorischen Eifers verstieg sich SALUTATI sogar zu wahren Ungeheuerlichkeiten, wie etwa in einem Brief an einen gewissen Ser ANDREA: „Ich sehe, Du weißt nicht, wie süß die Vaterlandsliebe ist; wenn es für seinen Schutz oder auch für seine Ausbreitung nützlich wäre, schiene es mir nicht als schwere oder schreckliche Untat,den Schädel des Vaters mit einem Beil einzuschlagen, die Brüder auf dem Boden zu zerschmettern, der Gattin mit dem Schwert das Kind aus dem Leib zu reißen.“32

Doch dieser Ausspruch blieb vereinzelt, und SALUTATI wurde nicht zu einer reißenden Bestie. Im übrigen äußerte er sich maßvoller über die Verpflichtungen, die der Mensch gegenüber seinem Vaterland hätte. Nach dem Beispiel der von ihm so verehrten Römer wollte SALUTATI dem Vaterland dienen: „Aber für das Vaterland, ... dem wir nicht nur alles über das Leben Hinausgehende verdanken, sondern sogar das Leben selbst, arbeite ich soviel ich kann mit Ratschlägen und mit meinem ganzen Verstand, und ich trachte danach, daß es klug geführt werde; wenn ich etwas dazu beitragen kann, will ich mich gern darum bemühen.“33 Mit dem Bild des Vaterlandes als Spender alles Lebens griff SALUTATI eine Vorstellung auf, die später, wie noch gezeigt werden wird, durch Lionardo BRUNI eine Ausgestaltung im Sinne eines Allgewaltsanspruches des Staates über seine Bürger erhalten sollte.

Leitlinien für die Ausübung eines politischen Amtes

Coluccio SALUTATI sah es als die Pflicht jedes verantwortungsbewußten Bürgers an, sich um das Wohl der Allgemeinheit und des Staates zu kümmern. Hierin stimmte er mit PLATON (427 - 347 v.u.Z.)34 überein, der gefordert hatte, daß die „weisen“ das Ruder des Staatsschiffes nicht anderen überlassen dürften, die das Volk dann ins Unglück stürzten.35

Entsprechend seiner hohen Auffassung von den bürgerlichen Pflichten verlangte SALUTATI auch, daß die Motive für die Annahme eines öffentlichen Amtes nur selbstloser Natur sein dürften. Jeder Amtsträger sollte nur das Wohl des Staates im Auge haben und sich vor dem Fehler der Ämtersucht hüten.36 . Entschieden verwahrte sich SALUTATI dagegen, daß man bei der Ausübung eines politischen Amtes an den Erwerb irdischen Ruhms dächte, denn dieser wäre vergänglich,37 wie auch der Gedanke an ein Fortleben des eigenen Namens in der Nachwelt als unchristlich abzulehnen wäre.38 Ebenso müßte man sich davor in acht nehmen, in den Fehler der Eitelkeit zu verfallen und sich an der mit dem Amt verbundenen Macht zu berauschen.39 Damit widersprach SALUTATI aus der christlichen Grundlage seiner

 


 

28 „sed dices: que mala, inhonesta aut flagitiosa inter meos cives et in patria maxima cum indignatione conspicio, ea apud exteras nationes et gentes non tanta conturbatione concerno; tantus est enim amor patrie, quod in eius bonis amplior sit leticia et im malis pungentior dolor. fateor magnam esse patrie caritatem, et ob id, si recte sentire volueris, non iam patriam fugere debes, sed ad eius animari propensius incolatum, sicut quilibet civis optimus obligatur, tanto magis patrie prosis, quanto magis ultra alios profecisti. nam quanvis sine differentia Iudei vel barbari, Latini vel Greci, omnes simus fratres in Christo, ita tamen homines sunt equaliter diligendi, quod cunctis salutem et omnem in bonum perfetionem et parem gloriam exoptemus. una quidem sola est diffinitio dilectionis ad proximos, ut tanquam nosmetipsos proximum diligamus. debet tamen esse in affectione vel in opere caritatis gradus secundum differentiam proximorum. in ipso autem quod aliis est optandum, quocunque te verteris, nulla, fateor, prorsus disparitas abhibenda; sed cum quoad effectum et opus, secundum caritatem operantes, gradatim incedere debeamus ut primo nobis, deinde parentibus, tertio filiis, quarto fratribus et ulterius proximoribus obligemur, et, iunctura sanguinis deficiente, prius concivibus quam extraneis teneamur, et homo, non ad compatiendum lapsis vel crassantibus irascendum, sed ad adiutorium hominis sit productus, magna tibi, si considerare velis, indicta necessitas in patriam redeundi, ut aliquid non solum tibi sed aliis opereris et ibi incipias quod naturaliter teneris impendere, ubi te constat, tum sanguinis tum civilitatis necessitudine plus debere.“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd I. S. 310/311.)
29 „patres nostri, romanum genus ...“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd IV: S. 29) 30 „o viri Romanorum de semine procreati aut Romanorum heredes ...“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd II. S. 85)
31 „... concivilitate, que est maximum mortalium vinculum ...“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd I. S. 16.)
32 „video ignoras quam sit dulcis amor patrie: si pro illa tutenda augendave expediret, non videretur molestum nec grave vel facinus paterno capiti securim iniicere, fratres obterrere, per uxoris uterum ferro abortum educere ...“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd I. S. 28.)
33 „pro patria autem, ... cui non solum plus quam vitam debemus, sed etiam ipsam vitam, quantum possum consiliis et mente laboro eamque appeto feliciter dirigi et in hoc, si quid possem, libenter impenderem et impendo.“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd II. S. 133.)
34 PLATON, zu deutsch etwa „der Breite“, war ursprünglich nur der „Kriegsname“ des adeligen Jünglings ARISTOKLES, als er noch Ringer werden wollte, um bei den Olympischen Spielen einen Sieg zu erringen. Unter dem Einfluß des SOKRATES (470 - 399 v.u.Z.) wandte er sich schließlich der Philosophie zu, behielt aber den Namen PLATON bei.
35 „platonicum, imo ipsius philosophie oraculum est, sapientibus necessariam causam esse capessende reipublice, ne improbis flagitiosisque civibus urbium relicta gubernacula pestem bonis ac perniciem ferant.“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd II. S. 454.)
36 „noli querere honores...“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd II. S. 448/449.)
37 „ad gloriam, fateor, nati sumus, sed ad eternam, non ad hanc mundanam, fragilem et caducam.“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd II. S. 425.
38 „quid enim minus homine, christiano presertim, dignum, quam gloria permoveri?“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd III. S. 349.)
39 „quod si ex officio forsitan intumescas, non officii, sed culpa tua fuerit; presertim cum officia non geras presidatus, sed servitutis.“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd II. S. 454.)

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