Anfänge bürgerlicher Ideologie

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von Dr. Anton Szanya

durch eigen Bemühung zu Ansehen zu kommen. Berühmte Vorfahren verpflichteten dabei sogar zu noch stärkeren Anstrengungen. „Aber sage mir, fällt Dir nicht auf“, fragte er diesbezüglich einen seiner Briefpartner, „daß, wie Cicero vermutet, die Menschen am Beginn der Welt keine dem Gesetz entsprechenden ehelichen Verbindungen kannten? Daher muß es gewiß sein, daß jene ersten Menschen nicht den Glanz der Abstammung, die dem Gesetz entsprechenden Ehen der Eltern, die bei ihnen ja nichts galten, sondern allein die Tugend sich zur Ehre anrechneten. Was ja sehr richtig ist, da Du, wenn Du der Vernunft zustimmen möchtest, niemanden wegen seiner Familie und seiner Abkunft, sondern wegen seiner Tugend und seinen Verdiensten empfehlen wirst. Von diesem oder jenem von uns abzustammen ist kein Verdienst, sondern ein Geschenk und eine Gabe des Zufalls. Allein die Tugend ist unser und widerstrahlt durch ihren Glanz. Daß aber der Ruhm der Eltern in unsere Ehre verwandelt wird, kann durch keinerlei Vernunftgründe gestützt werden. Ja sogar wenn Du tugendhaft gewesen bist, aber auch tugendhafte Vorfahren gehabt hast, ist Deine Ehre geringer, so wie auch der Glanz dessen geringer ist, der in das väterliche Besitztum eintritt, als die Ehre dessen, der es als erster erwarb; wie man auch feststellen muß, daß den Söhnen tugendhafter Ahnen eine größere Verpflichtung auferlegt ist, nach Tugend zu streben, als jenen, denen kein Glanz der Ahnen vorangeht.“56

Nicht Reichtum, nicht edle Abstammung, sondern nur die Tugend adelte in SALUTATIS Augen den Menschen. Im Vollbesitz dieser Tugend waren seiner Ansicht nach nur die Gebildeten, und zwar die humanistisch Gebildeten. Der Gebildete allein konnte als wahrer Adeliger gelten, und die Gemeinschaft der Gebildeten bildete den wahren Adel der Menschheit. Dies brachte SALUTATI gegenüber einem seiner Briefpartner auch ganz deutlich zum Ausdruck, als er ihm schrieb: „Man muß zugeben, daß Du weniger im Lichte Deiner Würde und Deines Standes glänzest als in dem von Tugend und Bildung, die beide in dem einzigartigen Wort ‘Humanität’ ausgedrückt werden. Denn nicht allein jene Tugend, die man auch Güte zu nennen pflegt, wird durch dieses Wort bezeichnet, sondern auch der Kenntnisreichtum und die Bildung; denn durch das Wort ‘Humanität’ wird mehr ausgedrückt als man gemeinhin denkt. So verwendeten die hervorragendsten der antiken Schriftsteller, sowohl Cicero als auch mehrere andere, dieses Wort für Bildung und Sittlichkeit; und das ist nicht erstaunlich. Denn außer dem Menschen gibt es kein bildungsfähiges Wesen, sodaß sich die Alten, weil es eine menschliche Eigenschaft ist zu lernen und Gebildete in höherem Maße Menschen sind als Ungebildete, durch Humanität und Bildung auszeichneten.“57

Eine Frühform bürgerlichen Leistungsdenkens

Dieser Adel des Menschen beruhte auf der eigenen Anstrengung und der eigenen Leistung eines jeden Angehörigen dieser neuen Adelsschicht, worauf sie auch in hohem Maße stolz waren. Wie sehr dieses Leistungsstreben als vorbildhaft angesehen wurde, zeigt sich beispielsweise an den vielen Lebensbeschreibungen von Humanisten, in denen deren Fleiß und sparsamer Umgang mit ihrer Zeit bei ihren Studien immer besonders lobend hervorgehoben wird.58 Hier sind bereits die ersten Ansätze des bürgerlichen Leistungsdenkens erkennbar, das zwei bis drei Jahrhunderte später, überformt durch den calvinistischen Protestantismus, die ideologische Begründung der kapitalistischen Wirtschaftsform bilden wird.59

Bildung adelt

Doch zurück zu Coluccio SALUTATI. Zwar beinhalteten seine Anschauungen, wie bereits gesagt wurde, durchaus revolutionäre Elemente hinsichtlich der Kritik an der bevorrechteten gesellschaftlichen Stellung von Geburts- und Geldadel. Diese wurden aber teilweise wieder gemildert, indem SALUTATI dem hierarchisch gegliederten Gesellschaftsmodell seiner Zeit insoweit verhaftet blieb, als er den Adelsstand und seinen Standesdünkel nur mit einer neuen Legitimation versah. Hatte nämlich der alte Adel verächtlich auf das niedere, elende Volk herabgesehen, so sah der Gelehrtenadel SALUTATIscher Prägung verächtlich auf das niedere, ungebildete Volk herab.

Aus dieser seiner Vorstellung vom wahren Adel erklärt sich SALUTATIS Gleichgültigkeit gegenüber der Regierungsform eines Staates. Die bis dahin gängige Vorstellung von der durch Geburt und Erbschaft begründeten Legitimation zur Herrschaft wurde zwar von SALUTATI nicht mehr anerkannt. Er kam aber deshalb durchaus noch nicht zur Ablehnung der Monarchie an sich, sondern höchstens zur Ablehnung der Erbmonarchie. Denn nicht jeder, der den Königstitel führt, ist deshalb auch schon ein „wahrer“ König - hier liegt eine Parallel zu SALUTATIS weiter vorne dargelegtem Denken über die Doppelnatur des Begriffes „Gesetz“ vor. Einer Wahlmonarchie hingegen, an deren Spitze der jeweils Tugendhafteste und Gebildetste eines Volkes stände, konnte SALUTATI durchaus etwas abgewinnen. Diese Ansicht fand er auch durch sein großes Vorbild PLATON bestätigt, dem er sich mit den Worten anschloß: „Halte ... mich für einen Platoniker, schließlich sagt dieses Orakel der Philosophie selbst, daß es für die Weisen eine Sache der Notwendigkeit sei, die politische Laufbahn einzuschlagen, damit nicht die verlassenen Steuerruder der Staaten von unredlichen und schändlichen Bürgern zu Schaden und Verderben für die guten gewendet werden.“60

 


 

56 „sed dic michi: nonne venit in mentem quod, sicut opinatur Cicero, mortales ab initio rerum nuptias legitimas non noscebant? ut tibi certum esse debat priscos illos homines non splendore natalium, non legitimis parentum coniugiis, que nulla apud ipsos erant, sed sola virtute sibi gloriam reputasse. Quod quidem usque adeo verum est, quod si rationi volueris acquiescere, nullum prosapia et sanguine, sed virtute et meritis commendabis. nasci quidem ex hoc vel illo nostrorum non est meritum, sed munus donusque fortune. solo vero virtus nostra est et suo resplendet lumine. quod autem parentum laudes in gloriam versentur nostram, nulla ratione firmari potest, imo, virtuosus fueris et progenitores habueris virtuosos, minor est tua gloria, sicuti minus est eius, qui in paternum successerit regnum, decus quam eius, qui primo quesiverit. quanvis fateri necesse sit maiorem impositam necessitatem virtuosorum filiis ad virtutem anhelare, quam illis, quos nullus maiorum splendor antecedit.“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd III. S. 270.)
57 „quo fateri oportet te non in maiore dignitatis et status luce versari, quam virtutis atque doctrine, que duo unicum illud humanitatis vocabulum representat. nam non solum illa virtus, que etiam benignitas dici solet, hoc nomine significatur, sed etiam peritia et doctrina; plus igitur humanitatis importatur verbo quam communiter cogitetur. optimi quidem auctorum, tam Cicero quam alii plures, hoc vocabulo pro doctrina moralique scientia usi sunt; nec mirum. preter hominem quidem nullum animal doctrinabile reperitur. ut, cum homini proprium sit doceri et docti plus hominis habeant quam indocti, convenientissime prisci per humanitatem significaverint et doctrinam.“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd III. S. 536.)
58 Ein schönes Beispiel hierfür bietet Eugenio Garin: Geschichte und Dokumente der abendländischen Pädagogik. Bd 2: Humanismus (L’educazione in Europa. Vol II: L’umanesimo, 1957). Reinbek: Rowohlt 1966. S. 25 ff. mit der Lebensbeschreibung des Gianozzo MANETTI.
59 Die ausführliche Darstellung dieser Entwicklung findet sich bei Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. In: Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Bd 1. Tübingen: Mohr 1920. S. 17 - 206.
60 „... asseras me ... platonicum, imo ipsius philosophie oraculum est, sapientibus necessariam causa esse capessende reipublice, ne improbis flagitiosisque civibus urbium relicta gubernbacula pestem bonis ac perniciem ferant.“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd II. S. 454.)

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