Anfänge bürgerlicher Ideologie

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von Dr. Anton Szanya

Weltanschauung heraus der zu seiner Zeit zunehmend stärker werdenden Akzeptanz von Ruhm und Macht als lohnender Ziele politischer Tätigkeit.

Wenn auch Ehre, Würde und Macht für das Seelenheil eines Menschen gefährlich sein könnten, würde dadurch der Wert eines öffentlichen Amtes in den Augen SALUTATIS nicht gemindert, denn ein solches böte auch Gelegenheit, sich in den christlichen Tugenden zu üben. „Bei Ämtern ist es notwendig“, meinte SALUTATI in dieser Hinsicht, „daß du Bescheidenheit lernst und Gehorsam zeigst. Diese haben, wenn sie sich hier auch auf Menschen und nicht auf Gott beziehen, dennoch keine geringe Verbindung mit den wahren Tugenden und die Amtshandlungen sind nicht ohne Verdienst, wenn Du sie, soweit Du kannst, auf Gott ausrichtest. ... Ich möchte nicht, daß Du ein Amt als Ehre annimmst, ich will auch nicht, daß Du eines ablehnst in Hinblick auf Dein Seelenheil, sondern ich möchte, daß Du ehrenhaft lebst, auf einwandfreie Art Gewinne erzielst, vielen nützest und nicht allein für Dich lebst, sondern für das Vaterland, für die Verwandten und die Freunde. ... Und du sollst nicht erschrecken, wenn ich Dich zu einem ehrenvollen Amt und zu einer tugendhaften Amtsführung ermuntere; denn der Apostel sagte über die Bedenken so vieler Freunde: ‘Wer das Amt des Bischofs anstrebt, strebt nach einem guten Werk.’ Denn die Würde verdirbt nicht den Menschen, sondern vervollkommnet ihn.“40

Die Ausübung eines öffentlichen Amtes wäre gemäß diesen Ausführungen SALUTATIS dem Seelenheil sogar förderlich. Sie stärkte die Tugend und außerdem böte ein öffentliches Amt auch reichlich Gelegenheit zur Wohltätigkeit.41 Aus diesen Gründen müßte es für einen verantwortungsbewußten Bürger eine Selbstverständlichkeit sein, ein angebotenes Amt auch anzunehmen. 42

Salutatis Einschätzung der politischen Tätigkeit

Wenn man SALUTATI zuhört, wie er so eindringlich und wiederholt für den Dienst an Staat und Vaterland eintritt, ist man vielleicht geneigt anzunehmen, er vertrete eine etwas idealisierte und wirklichkeitsfremde Anschauung von der politischen Tätigkeit. Doch SALUTATI war Realpolitiker genug, um sich keinen falschen Wunschvorstellungen über den Beruf des Politikers hinzugeben. Wohl stellte er gerne die berühmten Gestalten der römischen Geschichte, die für ihn ja auch die Geschichte des italienischen Volkes war, als leuchtende Vorbilder heraus, aber er wußte auch genau, daß kaum ein Politiker seiner Zeit das Format zu ähnlich großen Taten hatte. SALUTATI WAR sich dessen bewußt, daß der Politikerberuf ein Beruf ist wie jeder andere auch, in dem die durchschnittliche Begabung die Normalität bezeichnet.

„Natürlich wissen nur Unwissende nicht“, führte SALUTATI bei einer Gelegenheit aus, „was für ein großes und vielköpfiges Untier jeder beliebige Staat ist, und sei er auch klein, da in jedem viele Menschen mit verschiedenen Charakteren und einander widersprechenden Meinungen leben. Und da die meisten möchten, daß die Staatsverwaltung zu ihrem Vorteil gelenkt werde, verstehen sie nur das gutzuheißen, was sie als für sich nützlich erachten. Daher kommt es, daß kaum oder niemals etwas von den Führern eines Staates angeordnet wird, das nicht mehr Nörgler fände als Befürworter. ... In dieser Weise spricht man auch über die Lenker der Staaten, welchen es zukommt, unter den unsteten und keine Unterscheidung treffenden Vorlieben der Völker mit vieler und sorgenvoller Arbeit und auch Nachteilen das Schifflein des Vaterlandes zu lenken, und von denen man dennoch im Volk denkt, daß sie gewissermaßen im Schatten ihres Ansehens faulenzten und glücklich und froh Nutzen aus dem Staate zögen. Und in der Tat halte ich jene für glücklich und für Nutznießer der Güter des Staates und glaube nicht, daß das Volk in dieser Ansicht irrt, wenn sie mit mir übereinstimmen wollten, was als Gewinn aus dem Staate einzuschätzen sei. Aber sie wollen die Ausplünderung des Staatsschatzes, die Ämtersucht, die Erpressung der Ohnmächtigen, die Straflosigkeit der Verbrechen, die Käuflichkeit aller Dinge und das übrige, worin durch Machtmißbrauch die Nichtsnutzigkeit der Menschen verstrickt wird, als Vorteile aus dem Staat hinstellen. Ich aber denke bei weitem anders und das Genannte sehe ich in keiner Weise als den Vorteil an, den einem der Staat bietet, sondern als Verbrechen, Schändlichkeit, ja überhaupt als das Höchste dessen, was man über die Regierung eines Staates Übles sagen kann.“43

Dieser Zornesausbruch SALUTATIS über diejnigen, die den Staat nur zu ihrem eigenen Vorteil ausplündern wollten, ist ein frühes Beispiel für die Ausführungen von Karl MARX (1818 - 1883) und Friedrich ENGELS (1820 - 1895) über die Rolle der Intellektuellen innerhalb der herrschenden Klasse: „Die Teilung der Arbeit ... äußert sich nun auch in der herrschenden Klasse als Teilung der geistigen und materiellen Arbeit, so daß innerhalb dieser Klasse der eine Teil als die Denker dieser Klasse auftritt (die aktiven konzeptiven Ideologen derselben, welche die Ausbildung der Illusion dieser Klasse über sich zu ihrem Hauptnahrungszweige machen), während die Andern sich zu diesen Gedanken und Illusionen mehr passiv und rezeptiv verhalten, weil sie in der Wirklichkeit die aktiven Mitglieder dieser Klasse sind und weniger Zeit dazu haben, sich Illusionen und Gedanken über sich selbst zu machen. Innerhalb dieser Klasse kann diese Spaltung derselben sich sogar zu einer gewissen Entgegensetzung und Feindschaft beider Teile entwickeln ...“44 Genau so verhielt es sich denn auch. Denn nur aus reiner Menschenfreundlichkeit gingen die Kaufherren und Großgrundbesitzer, also die Angehörigen der Großen Familien der Stadtrepublik Florenz, nicht in die Politik. Es lag vielmehr im Wesen der florentinischen Gesellschaft, die ohne weiteres als Beispiel für die

 


 

40 „... in quibus (officiis; A.S.) te oporteat humilitatem addiscere et obedientiam profiteri. que, licet homines respiciant et non Deum, habent tamen cum veris illis virtutibus non mediocre commertium nec immeritori sunt actus, si dirigas ispos quantumque potes in Deum. ... nec velim quod honorem acceptes, nolo etiam quod recuses ad gloriam, sed ut honeste vivas, lucreris innnocue, multis prosis, nec solum tibi vivas, sed patrie, consanguineis et amicis. ... nec horreas, si te exhorter ad honestum officium et exercitum virtuosum; nam ut inquit Apostolus, qui de conscientia tanti hospitis loquebatur: qui episcopatum desiderat, bonum opus desiderat. non corrumpunt enim hominem dignitates, sed perficiunt.“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd II. S. 454/455.) Mit dem „Apostel“ bezieht sich SALUTATI auf PAULUS (1 Tim 3,1).
41 „est enim, ni fallor, officium illud venerationis et in quo possis licite lucrari, ut pauperibus subvenias, et honeste sancteque versari, ut pluribus prosis.“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd II. S. 444.)
42 „noli querere honores, sed nec velis etiam obvios recusare.“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd II. S. 448/449.)
43 „inexperti nempe solum ignorant quanta quoticepsque sit bellua quecunque, licet parva, respublica, cum tamen in qualibet sint multi mortales, varia ingenia dissoneque sententis, et cum plurimi ad privata commoda urbium regimina dirigi cupiant, solum illud approbare noverunt, quod sibi utilius arbitrantur. quo fit, ut vix aut numquam a reipublice ducibus quid sanctitur, quod detractores non plures inveniat quam fautores. ... sic de primoribus urbium contigit, quos inter populorum diversa indiscretaque studia oportet multis anxiisque laboribus ac damnis patrie naviculam regere, qui tamen quadam auctoritatis umbra vulgo quieti putantur felices et leti fructum de republica reportare. et profecto felices iudicio et bonorum reipublice fructicipes, nec in hac sententia puto vulgus errare, si tamen illi mecum conveniant quid fructus sit reipublice iudicandum, sed illi volunt expilationem erarii, ambitionem magistratuum, impotentium compressiones, impunitatem scelerum et omnium rerum venalitatem et cetera, quibus per abusum potentie nequicia mortalium implicatur, in fructibus rerum ponere publicarum: ego vero longe aliter sentio, et ista non modo non fructum iudicio, sed scelera, flagitia et denique maius quod potest de cuiuscunque reipublice regimine incommodum reportari.“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd I. S. 193/194.)
44 Karl Marx, Friedrich Engels: Feuerbach; 1. Teil der „Deutschen Ideologie“ (1845/46). In: Iring Fetscher (Hg.):Karl Marx, Friedrich Engels; Studienausgabe in 4 Bänden. Bd 1: Philosophie. Frankfurt am Main: Fischer 1971. S. 110

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