Anfänge bürgerlicher Ideologie

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von Dr. Anton Szanya

Rückblick

Coluccio SALUTATIS Lebensanschauung war vom Leitwert der Tugend geprägt war. Nach ihr zu streben, sollte man stets bemüht sein. Nur wer auf dem Pfad der Tugend wandelt, werde die ewige Seligkeit, die einzige und wahre Berufung des Menschen, erlangen. Die Tugend wäre auch die einzige Zier des Menschen, während Adel und Reichtum nur Talmi und Tand wären. Daneben zeigte SALUTATIS Tugendbegriff aber auch noch weitere Facetten, so etwa eine Ähnlichkeit mit dem der Stoa61. Demnach wäre Tugend erlernbar und auf das engste mit Bildung verbunden. Ohne Bildung sah SALUTATI in der Tat für den Menschen keinen Weg zu einem tugendhaften Leben.

Bis in ihre letzten Konsequenzen wollte Coluccio SALUTATI die stoische Tugendlehre aber doch nicht verfolgen. Konnte er der tugendhaften Selbstgenügsamkeit, der autarkeia, noch zustimmen, lehnte er das Ideal der Unempfindlichkeit gegen den Wechselfällen des Schicksals, die apaqeia, als letzten Endes unmenschlich ab, da daraus auch eine Gefühllosigkeit gegenüber den Mitmenschen erwachsen könnte. Der Mensch wäre vielmehr ein Gemeinschaftswesen, ein zvon politikon stimmte SALUTATI mit ARISTOTELES überein. Als solches sollte sich sein Bestreben auf das Wohl des Vaterlandes richten. Hierin zeigte sich SALUTATI von den römischen Vorstellungen der politischen Staatsbürgertugend beeinflußt. „Für das Vaterland leben“ - das war der Wahlspruch, den er seinen Freunden und Bekannten als Leitlinie des Lebens anzubieten nicht müde wurde. Es wäre eben falsch, sich aus der Gemeinschaft zurückzuziehen, um sich eigenbrötlerisch der Betrachtung und Spekulation hinzugeben.

Es wäre aber genauso falsch, nach Ruhm zu streben. Damit lehnte SALUTATI die wichtigste Triebkraft des antiken römischen Patriotismus und auch des politischen Handelns in seiner Zeit, nämlich den Ruhm in der Nachwelt, ab. SALUTATI begründete die Verpflichtung des Menschen zur politischen Tätigkeit mit der christlichen Nächstenliebe. Diese Nächstenliebe sollte sich aber nicht darauf beschränken, durch individuelle Almosen einzelnen kurzzeitige Linderung ihrer Notlage zu verschaffen, sondern in der Form der Wirksamkeit im Staate sollte sie die Wohlfahrt aller ermöglichen. Da der Staat die höchste Form der menschlichen Gemeinschaft wäre, wäre somit auch der Dienst am Staat die umfassendste Form der Nächstenliebe.

Diese Auffassung verrät deutlich ihre Herkunft aus den Verhältnissen eines Stadtstaates. Nur dort, wo mehr oder weniger jeder jeden kennt, wo aus diesem Grunde auch die Verbindung zwischen den Staatsbewohnern und der Staatsverwaltung noch unmittelbar war und auf persönlicher Bekanntschaft beruht, kann sich eine derartige politische Philosophie ausbilden. Weitaus anders waren und sind die Verhältnisse in den großen Territorialstaaten gelagert. Hier tritt der Staat als unpersönliche, stets fordernde Körperschaft dem einzelnen gegenüber, der oft genug nicht weiß, welchen Zielen die von ihm verlangten Anstrengungen und Leistungen dienen.

Durch das enge Naheverhältnis zwischen politischer Tätigkeit und christlicher Nächstenliebe, wie es nach der Auffassung SALUTATIS bestand, gewann jene für ihn fast eine religiöse Weihe. Der Staatsdienst wurde ihm gleichsam zum Gottesdienst, indem er seine Kräfte zum Wohle der Gottesgabe Vaterland einsetzte. Damit erwies sich SALUTATI als Mann zwischen zwei geistigen Welten. In seiner Jugend hatten die christlich-mittelalterlichen Überlieferungen noch stark seine persönliche Entwicklung mitgeformt. Bei SALUTATIS Geburt war Dante ALIGHIERI (1265 - 1321), der letzte große christliche Dichter Italiens, erst seit zehn Jahren tot, lag die Heiligsprechung des THOMAS aus Aquino (1225 - 1274), des bedeutendsten Vertreters der scholastischen Theologie, erst acht Jahre zurück. Als SALUTATI in Bologna studierte, stand dort die Pflege des kanonischen Rechts in Blüte. Andererseits meldete sich in seinen Überlegungen und Gedankengängen doch auch schon oft der antike Geist zu Wort. Immer wieder sprach SALUTATI Ideen aus, die der weltflüchtigen Askese der christlichen Tradition widersprachen. Vor allem dann, wenn er betonte, daß der Mensch sich nicht sosehr durch Glaube und Frömmigkeit, sondern durch - staatsbürgerliche - Tugend auszeichne, daß nicht die stille Betrachtung, sondern ein tatenfrohes Leben zum Heil führe. Wie überhaupt zu bemerken ist, daß SALUTATI sich vorwiegend in seinen umfangreichen Studien und Abhandlungen auf dem Boden der christlichen Lehre bewegte, während in seinen Briefen seine Belesenheit in der antiken Philosophie und Geschichte viel stärker zum Ausdruck kam.

„Ex oriente lux“

Das Studium der Antike erhielt in den letzten Lebensjahren SALUTATIS mit der Zuwanderung griechischer Gelehrter und Theologen aus dem untergehenden romäischen Reich neue und fruchtbare Anregungen. Im Jahre 1389 war in der Schlacht auf dem Kosovo polje, dem Amselfeld, der letzte Widerstand der slawischen Balkanvölker gegen den Vormarsch der muslimischen Osmanen zerschlagen worden. Fünf Jahre später, im Jahre 1394, schloß sich zum ersten Mal ein osmanischer Belagerungsring um Konstantinopolis. Nach dem osmanischen Sieg über ein vom ungarischen König SIGISMUND62 geführtes europäisches Kreuzheer bei Nikopolis im Jahre 1396 war das Ende des romäischen Reiches abzusehen. Als Mitglieder der Gesandtschaften, die im Auftrage der romäischen Kaiser JOHANNES V.63 und MANUEL II.64 bei den beiden Päpsten und bei den europäischen Herrschern um Unterstützung gegen die Osmanen baten, kamen viele griechische Gelehrte mit ihren Bücherschätzen und blieben in Italien, wo ihnen die neu erwachte Begeisterung für die Philosophie und Geschichte der alten Griechen eine neue Lebensgrundlage zu bieten versprach. Unter den vielen sei besonders Manuel CHRYSOLORAS (gestorben 1415) hervorgehoben, der ab dem Jahre 1400 in Florenz als Lehrer für griechische Sprache und Philosophie neben vielen anderen den alten Coluccio SALUTATI und den jungen Lionardo BRUNI aus Arezzo, vom dem noch die Rede sein wird, beeindruckte.

Der endgültige Untergang des romäischen Kaiserreiches, das ohnehin nur mehr aus der engeren Umgebung der Hauptstadt Konstantinopolis, einigen Inseln und Küstenstädten am Ägäischen Meer und dem Despotat Mistra auf der Peloponnes bestand, wurde durch den Einfall des TIMUR LENG65  in Kleinasien hinausgezögert. In der Schlacht bei Ankara im Jahr

 


 

61 Von ZENON aus Kition (335 - 262 v.u.Z.) um 300 v.u.Z. gegründete, nach ihrem Versammlungsort, der Stoa piokilé, einer Säulenhalle auf der Agora Athens, benannte griechische Philosophenschule, die bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts bestand. Oberste Maxime der stoischen Ethik war die Forderung, Neigungen und Affekte als der Vernunft zuwiderlaufend und die Einsicht behindernd zu bekämpfen und zur apaqeia, zur Leidenschaftslosigkeit, zu gelangen. Die Blütezeit der stoischen Philosophie lag im 1. Jahrhundert. Später ging sie im Neuplatonismus auf.
62 1368 - 1437; 1387 König von Ungarn, 1410 deutscher König, 1431 römischer Kaiser.
63 1332 - 1391; Kaiser 1341 - 1376 und 1379 - 1391.
64 1350 - 1425; Kaiser seit 1391.
65 1336 - 1405; Sultan in Samarkand seit 1370.

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