Anfänge bürgerlicher Ideologie

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von Dr. Anton Szanya

Gehorsam und nicht ohne Beleidigung der göttlichen Majestät, den wir Geschöpfen und Menschen erweisen, während wir Gott, den Schöpfer, beiseite lassen. Man muß auch dem Gesetz mehr gehorchen als dem Vorgesetzten und dem König. Derart müssen wir nämlich der Obrigkeit unterworfen sein und derart den Befehlen gehorchen, daß uns die Bereitschaft zum Gehorsam nicht zur Verletzung des Gesetzes, sondern allein zu guten Werken bereit finden soll.“50

Der Rechtsstaat war damit für Coluccio SALUTATI zugleich auch der sittliche Staat, da das wahre, mit dem göttlichen Recht übereinstimmende menschliche Recht sich mit der Moral deckt, und zwar mit der christlichen Moral, die ihren Ursprung in ebendemselben Gott hat. Es sei daher die Aufgabe des Rechtsstaates, das sittlich Gute zu fördern und das Übel zu bekämpfen. Der Mensch, der sich dem Dienst am Staat verschreibt, habe sich in den Dienst dieser Aufgabe zu stellen.

Die Betonung des sittlichen Charakters des Rechtsstaates bewirkte bei Coluccio SALUTATI eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber der Frage nach der Staatsform. Ob ein Staat eine Republik oder eine Monarchie war, war für SALUTATI von verhältnismäßig untergeordneter Bedeutung. Beide konnten gleichermaßen zur Tyrannei entarten, wenn der Monarch oder ein führender Politiker einer Republik ihre Macht in unsittlicher Weise mißbrauchten. In beiden Fällen traf auf sie SALUTATIS Definition des Tyrannen zu, wonach „der ein Tyrann ist, der die Macht an sich reißt und keinen Rechtstitel für seine Herrschaft hat, und ... der ein Tyrann ist, der hochmütig herrscht oder Ungerechtigkeiten begeht oder Recht und Gesetz nicht achtet.“51

Aus dieser Überlegung heraus war für SALUTATI die Regierungsform eines Staates nicht so wichtig, wichtig war nur, daß ein Staat nach den sittlich richtigen Gesetzen regiert werde. Daher konnte SALUTATI auch Königreiche und Republiken gleichwertig nebeneinander nennen, als er ausrief: „O glückliche Republiken, o glückliche Königreiche, deren Führer und Könige gerecht sind und sich den Gesetzen beugen ...“52 Wenn also an der Spitze eines Staates, sei es nun eine Republik oder eine Monarchie, gerechte Führer standen, waren für SALUTATI, der hierin ganz der Auffassung PLATONS folgt, beide Staatsformen einander gleichwertig und keine verdiente einen Vorzug gegenüber der anderen. Diese paulinisch-platonische Staatsauffassung blieb in der christlichen Staatslehre bis in das 20. Jahrhundert lebendig, wo sie in Gestalt des Klerikofaschismus, ideologisch gestützt durch die Enzyklika „Quadragesimo anno“ Papst PIUS’ XI.53 aus dem Jahr1931, ihre vorläufig letzte Ausformung erfuhr.

Die Bedeutung von Tugend und Bildung

Diese Bezugnahme SALUTATIS auf das Staatsideal PLATONS, wonach entweder die Weisen Könige oder die Könige Weise sein sollten, erweist sich in Anbetracht der Rahmenbedingungen seines politischen Handelns geradezu als revolutionär. Wenn es nämlich allein darauf ankommt, daß tugendhaft regiert werde, und wenn weiters in Rechnung gestellt wird, daß Tugend nicht ererbt, sondern nur durch eigenes Bemühen erworben werden kann, ergibt sich bei folgerichtiger Weiterführung der daraus sich ergebenden Erwägungen die Ablehnung der zur Zeit SALUTATIS in weiten Teilen Europas herrschenden Gesellschaftsordnung des Feudalismus. Wenn sich nämlich ein Mensch allein durch seine Tugend und seine Bildung - wobei nach Meinung SALUTATIS die erstere als Folge der letzteren zu sehen ist - von seinen Mitmenschen in positivem Sinn abheben kann, werden hohe Abkunft, Reichtum, Würde und alle die anderen bis dahin üblichen Auszeichnungen zu Nebensächlichkeiten. „Und da ich selbst ein großer Liebhaber der Studien bin“, schrieb SALUTATI diesbezüglich einmal, „ärgere ich mich immer wieder, daß entweder durch Vermögen oder Herkunft berühmte Männer die Studien derartig als völlig nutzlos und schädlich ablehnen; zumal fast das ganze Menschengeschlecht zu Geld und zur Anhäufung von Reichtümern hingezogen wird, welche es noch obendrein als vergänglich erkannt hat, und darin fortfährt, jene mit aller Kraft zusammenzuraffen. Es ist nicht verwunderlich, daß die träge Masse nicht an die Tugend denkt, sondern die Pracht der Gewänder, die Schar der Bedienten und den Prunk der Pferde allzu sehr bewundert. Dadurch kommt es, daß die Menschen, erfüllt von der Meinung des niederen Volkes, nicht die Absicht haben, der Tugend zu folgen, der man keinen Wert beimißt, sondern nach Reichtum trachten, mit welchem irrigerweise die Ehre der Menschen gleichgestellt wird.“54

SALUTATI sah somit nur zwei Gruppen von Menschen: zum einen die tugendhaften, weil gebildeten und zum anderen das ungebildete, gemeine Volk, aus dessen Verachtung er kein Hehl machte, wobei er Adelige und Reiche, die sich an Luxus und Prachtentfaltung erfreuten, durchaus dem gemeinen Volk zurechnete. In einem Brief an den römischen Patrizier Niccolò ORSINI ließ er an dieser seiner Einstellung auch keinen Zweifel aufkommen, wenn er ihm eröffnete: „Ich bewundere weder Deinen Reichtum noch den adeligen Glanz Deines Blutes, wovon der eine ein Geschenk des gütigen Schicksals, der andere eine Gabe sowohl Gottes als auch der Natur ist, sondern ich bewundere Deine Tugend, in der Du alle übertriffst ...“55

SALUTATI maß also den überkommenen Ansichten über Geltung und Würde unter den Menschen keine Bedeutung mehr bei, ja er lehnte sie sogar ab. Seiner Meinung nach durfte man sich keinesfalls im Glanz berühmter Ahnen sonnen, sondern mußte stets darauf achten,

 


 

50 „Obediamus et potestatibus, nam cum omnis potestas a deo sit, qui potestati resistit, ut inquit apostolus, dei ordinatione resisitit. Obedite et prepositis vestris et subiacete eis; ipsi enim, ut testatur doctor gentium, pervigilant quasi rationem pro animabus vestris reddituri. Quin etiam subditi simus omni creature propter deum, sed, ne forte decipiamur, obedire oportet deo magis quam hominibus. Stulta quidem est obedientia et non sine divine maiestatis iniuria quam relicto deo creatore creaturis et hominibus exhibemus. Parendum est legi potius quam prepositis atque regi. Sic enim subditi potestatibus esse debeamus sicque iussionibus obedire quod non ad prevaricationem legis sed ad omne bonum opus inveniat obedientie sedulitas nos paratos.“ (Coluccio Salutati: De seculo, a.a.O. S. 135/136.) SALUTATI bezog sich mit diesen Ausführungen einerseits auf PAULUS (Röm 13,1-7), andererseits auch auf die Apostelgeschichte (Apg 5,29). Um den Widersprüchen zwischen den beiden dort genannten Anweisungen - einerseits Unterwerfung unter die Obrigkeit um fast jeden Preis, andererseits größere Gehorsamspflicht gegenüber Gott als gegenüber den Menschen - zu entkommen, wich SALUTATI auf seine bereits dargelegten Ansichten über juristische und göttliche Gesetze aus, anscheinend ohne zu bemerken, daß er auch damit keinen festen Boden unter den Füßen gewinnen konnte.
51 „... tyrannum esse qui invadit imperium et iustum non titulum dominandi, et quod tyrannus est qui superbe dominatur aut iniustitiam facit vel iura legesque non observat.“ [Coluccio Salutati: Tractatus de tyranno, ed. Francesco Ercole. Berlin, Leipzig 1914. S. XV. (= Quellen der Rechtspohilosophie, Bd I.)]
52 „o beatas respublicas, felicia regna, quorum reges et principes iusti sunt et sic se legibus subiciunt ...“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd II. S. 34.)
53 Achille RATTI, 1857 - 1939; Papst seit 1922.
54 „et maxime cum ipse idem illorum studiosissimus sim et sepius mecum ipse stomacari soleam preclaros viros tum fortuna tum sanguine huiusmodi studia admodum iniuria quadam damnanda negligare; quippe cum pene omnium mortalium genus ad nummos et cumulandas divitias, quas etiam perituras cognoverit, occupatur illasque congerere summo opere connitatur. nec mirum, cum vulgus ignarum non virtutem consideret, sed vestium ornamenta, famulorum turbam et equorum apparatum nimium admiretur. ex quo fit ut homines, vulgarium opinione imbuti, non virtutem, que iam nullo in precio est, sed divitias, quibus omnis honos mortalium errore conferetur, consequi moliantur.“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd I. S. 51.)
55 „ne ego vel fortunam tuam admiror vel sanguinis nobilem fomitem, quorum unum benigne sortis, liud seu Dei seu nature munus est; sed tuam virtutem, qua cunctis excellis ...“ (Coluccio Salutati: Epistolario, Bd I. S. 57.)

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